Vor mir liegt ein unscheinbares, maschinegeschriebenes und kopiertes, von nur einer Klammer notdürftig zusammengehaltenes Konvolut mit dem Titel Deutsch-Französisches Austauschtreffen/Languedoc-Roussillon/Rencontre Franco-Allemande 3.–17.10.1976/Protokolle und Referate/Protocoles et Rapports/Münster, Romanisches Seminar, Dezember 1976. Man sieht ihm sein Alter an, die Seitenzahlen sind von Hand oben eingefügt. Immerhin umfasst der Rechenschaftsbericht dieser ersten Exkursion, die ich mit meinem Freund und Kollegen Peter Ronge veranstaltet habe, 141 Seiten. Dabei verband sich seine Erfahrung in Exkursionen mit meiner damaligen Unbekümmertheit, seine Kenntnisse der Möglichkeiten zum Einwerben von Drittmitteln mit meiner Vertrautheit mit dem Umfeld in der besuchten Region.1 Die Exkursion fand unmittelbar vor Beginn des Wintersemesters statt, um den Studienbetrieb nicht zu beeinträchtigen, aber möglichst alle wichtigen Gesprächspartner vor Ort anzutreffen. Für mich war es der erste Versuch auf diesem Gebiet. Den vermutlich letzten habe ich, zusammen mit einem anderen (ursprünglichen) Münsteraner, nämlich Peter Cichon, der zuerst mein Schüler war, bevor er mir zum lieben Kollegen (und Freund allemal) wurde, hier in Wien im vergangenen Frühjahr glücklich zu Ende gebracht.

Georg Kremnitz - Portrait


Georg Kremnitz, o. Univ.-Prof. Dr., geb. 1945, seit 1986 o. Univ.-Professor an der Universität Wien. 1971–73 Lektor für Deutsch an der Université de Bordeaux III, 1974–86 Akademischer Rat bzw. Oberrat an der WWU Münster, dort war Dieter Kattenbusch sein Student.

1 Erinnerungen

Abb. 1: Titelblatt des Exkursionsberichts

Titelblatt des Exkursionsberichts

Das wäre noch kein Grund, in diesem Band darüber zu reden. Die Teilnehmerliste der damaligen Reise nennt allerdings, Seite vier, auch als einen der wenigen männlichen Teilnehmer einen gewissen Dieter Kattenbusch, damals Student in mittleren Semestern. Ich kannte ihn deshalb schon etwas besser, weil er ungefähr ein Jahr zuvor der erste (und bald einzige) Teilnehmer an meiner ersten Münsteraner Einführung in das moderne Okzitanisch war. Die freundliche Aufforderung, etwas für Dieter zu schreiben, die mich vor kurzem erreichte, führte meine Gedanken rasch auf diese Anfänge unserer nun seit mehr als dreieinhalb Jahrzehnten dauernden Freundschaft zurück und brachte mich auf den Gedanken, ihm zu diesem Thema einige Seiten zu schreiben. Ich möchte den folgenden kurzen Beitrag in zwei Teile gliedern: Zunächst mit einigen Erinnerungen die Exkursion von 1976 Revue passieren lassen und ein paar Worte über andere Exkursionen anfügen, um dann einige Gedanken über den Sinn solcher Unternehmungen auszubreiten, die vielleicht in der heutigen Zeit der bloßen Rentabilisierung von Studien ein wenig unzeitgemäß sein mögen. Ich bin mir aber sicher, dass Dieter viele Dinge ganz ähnlich sieht wie ich, und kann sie ihm deshalb vortragen.

Abb. 2: Die Abhandlung Dieter Kattenbuschs

Die Abhandlung Dieter Kattenbuschs

Wir sind damals mit 36 Teilnehmerinnen und 5 Teilnehmern aufgebrochen, zu denen noch die beiden Lehrenden, die Partnerin von Peter Ronge und unser unvergleichlicher Busfahrer Theo Winterhalder kamen, zusammen also 45 Personen. Allerdings musste ein Teilnehmer wegen eines plötzlichen Todesfalls in der Familie schon am ersten Abend überstürzt die Rückreise antreten. Natürlich wäre die Reise ohne eine Unterstützung des Deutsch-Französischen Jugendwerks und der Universität Münster nicht möglich gewesen;2 wir hatten zu diesem Zweck sogar eine Partnerschaft mit den Okzitanisch-Studenten der Universität Montpellier III gebildet (unter Leitung von Robert Lafont), aber die okzitanischen Studierenden haben sich nie so stark für Westfalen und seine Mettenden interessiert, dass sie tatsächlich einen Gegenbesuch gemacht hätten (immerhin sind manche ihrer Lehrer mehr als einmal nach Münster gekommen). Wir hatten uns und die Studierenden gut vorbereitet, denn das Unternehmen situierte sich natürlich auch im gesellschaftlichen Kontext der Jahre nach 1968 und im Rahmen der französischen Regionalisierungsdebatte, die damals hohe Wellen schlug. Es ist am einfachsten, ich zitiere einige Passagen aus der „Vorbemerkung“ von Ronge und mir vom 15. Dezember 1976 (Seite 1, zwei Tippfehler werden stillschweigend korrigiert):

Die vorliegende Broschüre berichtet über ein didaktisch-politisches Experiment, das am Romanischen Seminar der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster mit drei abgestimmten Lehrveranstaltungen im Sommersemester 1976 und mit der detaillierten materiellen und inhaltlichen Vorbereitung eines themenorientierten Treffens von 41 Studierenden in der Region Languedoc-Roussillon eingeleitet und in partnerschaftlicher Zusammenarbeit mit Lehrenden und Lernenden der Universität Montpellier als Schwerpunkt sowie Referenten und Gesprächspartnern in vielen anderen Orten durchgeführt wurde.

Der experimentelle Charakter in didaktischer Hinsicht lag in der engen thematischen und methodischen Verbindung zwischen zwei Seminaren und einem Sprachkurs einerseits und einem Aufenthalt in der Region, deren wirtschaftliche, soziale, politische und kulturelle Probleme zuvor thematisiert worden waren. Bei diesem Aufenthalt handelte es sich indes nicht um eine klassische ‚Exkursion‘ mit nur komplementärer, illustrativer Funktion, sondern um ein Treffen mit fachlich vorgebildeten Lehrenden und Lernenden einer Hochschule sowie kompetenten Gesprächspartnern im außerakademischen Bereich, das als vertiefende Begegnung auf fortlaufenden Gedankenaustausch der Teilnehmer in beiden Ländern über Regionalismus als internationalen Problemkomplex angelegt war.

Das politische Experiment lag in der in dieser Hinsicht sehr heterogenen Zusammensetzung der Teilnehmergruppen aus Münster und in der Zielregion, darüber hinaus vor allem auch in der Berücksichtigung eines möglichst umfassenden Spektrums politischer und ideologischer Standpunkte bei den Referenten und Gesprächspartnern, da es nicht Absicht der Veranstalter sein konnte und durfte, die Vielfalt der Standpunkte zu ‚zensieren‘ oder die Teilnehmer durch einseitige Auswahl festzulegen.

Neben dem eher fachgebundenen Aspekt einer ‚landeskundlichen‘ Lehrveranstaltung bot sich den Veranstaltern die Gelegenheit, mit den Teilnehmern beiderseits der Staatsgrenzen – künftigen Lehrern und deshalb wichtigen Multiplikatoren – auf Schwierigkeiten und Lösungsinitiativen im Bereich der europäischen Integrationsbewegung einzugehen, und dies eben nicht im abstrakten Diskurs, sondern im konkreten Austausch mit unmittelbar Betroffenen. […]

Wie die etwas umständlich formulierte Vorbemerkung zeigt, hatten wir große Ansprüche und Hoffnungen. Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer mussten zwei Arbeitsaufgaben erledigen, nämlich das Protokoll eines Reisetages (8–59) und eine inhaltliche Abhandlung (61–140) schreiben. Unser Partner in Montpellier war Robert Lafont (1923–2009), der erste Inhaber des Lehrstuhls für Okzitanische Sprache und Literatur an dieser Universität sowie der führende Kopf des Okzitanismus und einer der wichtigsten Teilnehmer an der Regionalismus-Debatte der Zeit.3 Vor allem Lafont konnte bewirken, dass die Gruppe interessante Gesprächspartner fand. Wenn ich mir heute das Programm anschaue, dann bin ich von seiner Dichte beeindruckt, aber auch von der Bereitschaft der Studierenden, das alles auf sich zu nehmen. Viele von ihnen haben sich im Lauf der Zeit solide Kenntnisse über die Zusammenhänge angeeignet. Vielleicht ist es sinnvoll, das Programm in einem kurzen Abriss widerzugeben (ich fasse aus der Broschüre, 5–6, zusammen und ergänze einiges zum besseren Verständnis):

  • 3./4. Oktober 1976: Reisetage, von Münster über Breisach und Lyon nach Montpellier.
  • 5. Oktober: Vormittag Conférence-débat «Situation de l’Occitanie à l’heure actuelle» von Gaston Bazalgues (geb. 1938, Mitarbeiter von Lafont und damals wichtiger Exponent des autonomistischen Okzitanismus, Autor eines erfolgreichen okzitanischen Sprachkurses L’Occitan lèu-lèu e plan, dessen erste Auflage 1975 erschien). Fahrt nach Nîmes, wo Lafont selbst am Nachmittag eine Diskussion zum Thema „Problèmes économiques et politiques du Languedoc“ leitet und der deutschen Gruppe dann die Stadt zeigt (eine der eindrucksvollsten Stadtführungen, die ich erlebt habe).
  • 6. Oktober: Vormittag (Montpellier) Diskussion über «La vie culturelle occitane actuelle» mit der Dichterin Roseline Roche (Feijoo, geb. 1946), Léon Cordes (Theaterautor, 1913–1987), Dominique Feijoo (okzitanischer Aktivist), Robert Lafont, Jean Larzac (eigentlich Jean Rouquette, Geistlicher und Okzitanist, Verfasser verschiedener Werke zur okzitanischen Kultur, geb. 1938), Yves Rouquette (Bruder des vorigen, Schriftsteller, geb. 1936). In dieser denkwürdigen Debatte stoßen die beiden Flügel des damaligen Okzitanismus aufeinander, einer um die Brüder Rouquette, den man als „nationalistisch“ bezeichnen könnte, und einer um Lafont, der als „autonomistisch“ zu umschreiben wäre; es war meines Wissens die letzte geplante Gegenüberstellung, an der Lafont und die Brüder Rouquette gemeinsam teilnahmen. Es gibt eine Transkription dieser Debatte von Ulrike Brummert (heute Professorin an der Universität Chemnitz) und Dieter Kattenbusch, die leider nie veröffentlicht werden konnte. Am Nachmittag Präsentation der Trobadore durch Léon Cordes, der kurz zuvor einen Band mit neuokzitanischen Nachdichtungen von Trobadortexten veröffentlicht hatte.4
  • 7. Oktober: Gemeinsame Fahrt mit den okzitanischen Partnern in die Camargue (anstatt eines ursprünglich geplanten Treffens mit den Schauspielern der damals berühmten Gruppe Teatre de la Carrièra, die engagiertes okzitanistisches [Straßen-]Theater machte).
  • 8. Oktober: Vormittag in Montpellier: Referat von Madame Maurin, einer Historikerin der Universität, über die Probleme des Weinbaus von 1789 bis 1914. Am Nachmittag zunächst Referat von M. Canizarès, dem Leiter des Jugendhauses, in dem die Gruppe untergebracht ist, über die Geschichte und den Urbanismus in Montpellier, danach Besuch bei der Redaktion der Wochenzeitung Sud, die wenige Monate zuvor entstanden war als Versuch, die einseitige Berichterstattung der lokalen und regionalen Presse zu durchbrechen. Leider ging dem Experiment nach einigen Jahren die Luft aus; ich erinnere mich noch immer mit Freude an diese kluge und kritische Zeitung.
  • 9. Oktober: Fahrt nach Sète, wo uns Gaston Bazalgues erwartet; ein pensionierter Lehrer führt uns sehr kompetent durch die Stadt, bevor wir von Bürgermeister Gilbert Martelli (PCF) empfangen werden, einem hohen Würdenträger der Kommunistischen Partei, der schon seit Langem im Amt ist5 und die Stadt vorzüglich verwaltet. Er stellt sich den Fragen der Studierenden und beantwortet alle Fragen sehr offen, aber auch sehr geschickt. Nachmittags werden die Studierenden zunächst mit dem Schiff über die Austernbänke des Etang de Thau gefahren, etliche haben Angst vor den frischen Austern, sodass die anderen sich eben opfern müssen. Gegen Abend trifft die Gruppe noch mit Vertretern einer Gruppe zusammen, die sich dort um den Naturschutz kümmert.
  • 10. Oktober: Fahrt über das Cap d’Agde, wo die Gruppe picknickt, nach Valros, wo Jean Huillet6, einer der militantesten Führer des MIVOC (Mouvement d’Intervention Viticole Occitan), einer Organisation der Winzer, die damals verzweifelt um ihre wirtschaftliche Existenz kämpfen, über die aktuellen Probleme der Winzer im Languedoc spricht. Danach kann die Gruppe die Cave Coopérative des Orts besuchen, mit ihrem Präsidenten sprechen und wird schließlich mit Dank für das gezeigte Interesse und einem 32-Liter-Kanister Wein entlassen.
  • 11. Oktober: Fahrt nach Béziers, wo die Gruppe von François Pic, dem Leiter des CIDO (Centre International de Documentation Occitane)7, empfangen wird (Pic, geb. 1954, war später viele Jahre lang Generalsekretär der Association Internationale d’Etudes Occitanes; er ist der Spezialist für bibliographische Fragen und die Geschichte des Buches im okzitanischen Bereich). Nach einem kurzen Stadtrundgang besichtigt die Gruppe den CIDO, wo Pic, Yves Rouquette und Dr. Sirc, der zuständige Vizebürgermeister, auf alle Fragen antworten. Am Nachmittag wird Ensérune besichtigt, eine keltiberische Ausgrabungsstätte bei Nissan-les-Ensérune am Canal du Midi, danach trifft die Gruppe eine Reihe von Okzitanischlehrern am Lycée Henri IV in Béziers, um sich von ihnen über ihre Möglichkeiten und Probleme informieren zu lassen. Der Tag schließt mit einer öffentlichen Veranstaltung Allemagne – Occitanie im Palais de Congrès von Béziers, während derer Yves Rouquette und Antoinette Dard Referate über die Katharer und den Katharismus halten.8 Dazwischen singt Maria Roanet einige Trobadortexte in ihren eigenen Vertonungen (sie ist die Frau von Yves Rouquette, die zunächst als Interpretin und Liedermacherin seit dem Beginn der 1970er Jahre Erfolge hat und dann auch mit autobiographischen Texten zunächst auf Okzitanisch, später auf Französisch hervortritt).9
  • 12. Oktober: Der Bus fährt nach Perpignan, dort spricht der Soziolinguist Domènec J. Bernardó (geb. 1946, Mitglied des Grup Català de Sociolingüística) am späten Vormittag über «La situation culturelle et linguistique du Roussillon»10, am Nachmittag der Geograph Joan Bécat über die wirtschaftliche Situation des Roussillon. Der (kurze) Aufenthalt in Perpignan lag uns beiden, Peter Ronge und mir, am Herzen, denn wir wollten den Kontrast der beiden dominierten Sprachen und Kulturen wenigstens in aller Kürze zeigen.
  • 13. Oktober: Weiterfahrt nach Toulouse, wo wir am späten Nachmittag ankommen. Dieser Aufenthalt ist für mich auch schmerzlich, denn eigentlich hatte ich Ismaël Girard (1898–1976), den Mitgründer der Zeitschrift Oc (1923/24) und des Institut d’Estudis Occitans (1945), neben Lafont sicher die wichtigste Persönlichkeit des Okzitanismus im 20. Jahrhundert, dazu überreden können, uns aus seinen Erfahrungen zu berichten (worin er vor größerem Publikum nur sehr selten einwilligte). Indes war er kurz vor unserer Ankunft plötzlich gestorben; daher springt Pierre Lagarde (1920–1994), der langjährige Vizepräsident des IEO, ein und spricht über den Okzitanismus seit 1945.
  • 14. Oktober: Am Vormittag werden wir von einem stellvertretenden Bürgermeister von Toulouse, M. Farré, empfangen, der uns mit seinen Mitarbeitern über die Probleme des Urbanismus der Stadt informiert, und uns danach in der berühmten Salle des Illustres im Namen der Stadt empfängt;11 nachmittags werden wir zuerst theoretisch und dann auch praktisch in die ZUP (Zone d’urbanisation prioritaire) des Mirail (wo auch eine der Tolosaner Universitäten untergebracht ist) eingeführt.
  • 15. Oktober: Der Bus bringt uns über Albi, wo es einen kurzen Aufenthalt gibt, und Millau auf das Larzac, jene Hochebene, deren Bauern – alles Schafzüchter, deren Schafe die Milch für den berühmten Roquefort liefern – seit Jahren gegen eine Ausweitung des dortigen Militärlagers kämpfen, die sie ihrer Existenzgrundlage berauben würde. Die Diskussionen mit den Bauern sind sehr lebhaft und interessiert und enden damit, dass die anwesenden Mitglieder der Fachschaft Romanistik alle Reiseteilnehmer dazu bringen können, dass gemeinsam eine Parzelle Larzac gekauft wird, um die Enteignung zu erschweren (falls es in Münster noch eine Fachschaft Romanistik gibt, müsste sie eigentlich die entsprechenden Eigentumsdokumente noch haben). So endet der inhaltliche Teil der Reise mit der Konfrontation mit einer der international bekanntesten Auseinandersetzungen der Zeit zwischen einem Staat und seinen Bürgern;12 das ist wirklich ein guter Abschluss.
  • 16./17. Oktober: Rückfahrt nach Münster, über Nîmes, Lyon und Breisach.

Vielleicht kann die Aufzählung ein wenig in die damalige Stimmung einführen und auch in den von uns vertretenen Anspruch. Ich bilde mir immer noch ein, dass die Exkursion einer der Anlässe für eine ganze Reihe von Qualifikationsarbeiten geworden ist und auch sonst bisweilen recht nachhaltige Folgen hatte. Immerhin hatte die inhaltliche Vorbereitung fast ein Jahr früher begonnen.

Zusammen mit Peter Ronge habe ich von Münster aus noch weitere Exkursionen organisiert, 1978 (zusammen mit den damals in Wuppertal tätigen Kollegen Jürgen Meisel und Hartmut Stenzel) und 1982 wieder nach Okzitanien, 1983 bin ich bei der von Peter Ronge allein verantworteten Reise in die Bretagne mitgefahren.13 Als ich nach Wien kam, wollte ich daran anknüpfen, leider waren die organisatorischen und finanziellen Bedingungen weit weniger günstig. Das schlug sich dann in unzureichendem Interesse (weil zu wenig abschätzbaren Kosten) der potentiellen Teilnehmer nieder. Deshalb kam eine in der ersten Hälfte der 1990er Jahre geplante Reise nach Okzitanien nicht zustande; allerdings haben wir (Peter Cichon und ich) in diesen Jahren mehrfach „inoffizielle“ Reisen gemacht, sind einfach mit zwei oder drei Wagen zur okzitanischen Sommeruniversität in Nîmes gefahren, oder 1996 zum AIEO-Kongress in Toulouse. Natürlich verliefen diese Reisen ganz anders: zeitlich kürzer, ohne formal vorbereitetes Programm (außer eben der Teilnahme an den Veranstaltungen), aber damit eben auch ohne große organisatorische Last. Für das Jahr 1998 haben wir dann eine Exkursion nach Martinique vorbereitet, wieder mit einem recht genau ausgearbeiteten Programm, die auf der einen Seite auch ertragreich war.14 Auf der anderen Seite war die Teilnehmerzahl gering (15, mehr waren nicht finanzierbar), und einige der Teilnehmerinnen (es waren nur Frauen) gaben doch recht deutlich zu erkennen, dass für sie der Urlaubswert der Reise gegenüber dem Erkenntnisinteresse deutlich im Vordergrund stand. Vor allem deshalb blieb ich in den folgenden Jahren recht zurückhaltend gegenüber weiteren Anregungen, und Peter Cichon organisierte daher zusammen mit Zohra Bouchentouf-Siagh Reisen nach Dakar und nach Tunesien.

Ich habe mich dann nach langem Zögern überreden lassen, nochmals eine Reise nach Martinique mit ihm zu organisieren (wobei er den größten Teil der praktischen Organisation übernommen hat). Zu unserer Freude schlossen sich spontan zwei liebe Kollegen, Zohra Bouchentouf-Siagh und Jörg Türschmann, der Reise an, und auch bei der Auswahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten wir Glück: Alle waren menschlich sehr sympathisch und an der Sache interessiert, nur eben manchmal ein wenig naiv (oder sehe ich das nur aus der Warte meines Alters so?). Im Unterschied zu früheren Reisen hatten wir dieses Mal weniger voraus organisiert und geplant. Zum Teil hatte das den Grund, dass die mir bekannten Gesprächspartner aus früheren Jahren meist nicht mehr im Amt waren und nicht alle der heute Tätigen sich sehr für eine Studiengruppe aus Wien interessierten. Wird die Wichtigkeit von solchen Begegnungen von den heutigen Multiplikatoren geringer eingeschätzt oder ist manches Schweigen einfach auf die Überbeanspruchung zurückzuführen? Trifft die erste Alternative zu, so dürfte sie auf einer heftigen Fehleinschätzung beruhen. Ich habe wieder die Erfahrung gemacht, dass dort, wo Persönlichkeiten der Gruppe ein wenig Zeit gewidmet haben, der Eindruck seitens der Teilnehmer sehr nachhaltig war, und sie auch Probleme und Positionen zu verstehen begannen, die ihnen zuvor überhaupt nicht vertraut waren;15 auch jetzt dürfte sich der Ertrag der Reise in einer Anzahl von Qualifikationsarbeiten niederschlagen. Das zweite Argument für die zurückhaltendere Planung lag darin, dass den Studierenden so mehr Möglichkeiten zu eigenen Initiativen gegeben werden sollten.

2 Überlegungen

Natürlich sind Exkursionen aufwendige und letztlich auch teure Formen von Lehre. Deshalb werden sie ja gewöhnlich nur von relativ wenigen Studienrichtungen regelmäßig gemacht (und in allen anderen nur von manchen Lehrenden organisiert, die mitunter von ihren Kollegen mitleidig belächelt, mitunter allerdings auch beneidet werden) – zugegebenermaßen bieten sich auch nicht alle Studien in gleicher Weise dafür an. Welche Gründe lassen sich anführen, um solche Lehrveranstaltungen zu rechtfertigen?

Wissenschaftliche Argumente

In vielen Fällen besteht die wissenschaftliche Arbeit für Studierende im Erwerb von Kenntnissen und Fertigkeiten, die nur schwer in Zusammenhänge einzuordnen sind, zumal im Zuge immer weiterer Spezialisierung nahezu aller Disziplinen (manche entgehen zwar teilweise diesem Schicksal, verschwinden aber dann bisweilen vollständig aus den Universitäten), die die Kenntnis eines synthetischen Überblicks als immer weniger wichtig erscheinen lassen. Die Universität produziert auf diese Weise Absolventen, die gute Spezialisten auf bestimmten Teilgebieten einer Disziplin sind, denen aber weitgehend der Überblick über das eigene Fach und seine Entwicklung, oder gar über noch weitere Zusammenhänge fehlt. Nun wird man die gute, alte Allgemeinbildung nicht wieder herbeizaubern können, so lange in unseren Gesellschaften kein Konsens darüber besteht, welches Wissen sie als für alle wichtig empfinden – möglicherweise ist ein solcher Konsens angesichts der riesig gewachsenen Wissensbestände auch gar nicht mehr möglich. Dass allerdings Absolventen eines Faches, das sie schließlich studiert haben, dieses in seinen Umrissen nicht mehr überblicken, halte ich für bedenklich, denn es bedeutet nicht zuletzt, dass sie ihr eigenes Tun nicht mehr in einen größeren Kontext einordnen können. Das vergrößert die Gefahr von Fehlleistungen, es führt aber auch zu einer stärkeren Manipulierbarkeit der Personen, die in Grenzfällen durchaus beunruhigende Formen annehmen kann. Das böse Wort „ich habe ja nur meine Pflicht getan“ kommt einem vor diesem Hintergrund leicht in Erinnerung. Natürlich wird angesichts solcher Verhältnisse leicht die Motivation der Studierenden beeinträchtigt, die vor allem auf eine Qualifikation hin, aber kaum (mehr) mit einem inhaltlichen Ziel studieren.

Eine gut geplante Exkursion macht Wissenschaft und wissenschaftliches Erkenntnisinteresse16 greifbar und erlebbar, da eben nicht mehr Detailverständnis gefragt ist, sondern sich die Frage stellt, wie einzelne Beobachtungen sich miteinander verknüpfen lassen und einzuordnen sind. Da zeigt sich, dass bestimmte Meinungen nicht abstrakt vertreten werden (oft versteht der Zuhörer im Hörsaal gar nicht, warum jemand eine bestimmte Idee haben kann), sondern in konkreten Zusammenhängen stehen. Sie können deshalb noch immer schwer rezipierbar sein, aber wenn die Hintergründe klarer sind, können Studierende gewöhnlich leichter nachvollziehen, wie es dazu kommt. Außerdem werden die Studierenden damit vertraut(er) gemacht, dass unterschiedliche Personen unterschiedliche Meinungen vertreten und dass sie selbst daraus für sich die Schlüsse ziehen müssen (zwar werden sie auch im Hörsaal im günstigsten Fall mit unterschiedlichen Positionen vertraut gemacht, aber das Spiel ist insofern verfälscht, als eine Position, die des Lehrenden, gewöhnlich die besseren Argumente für sich hat). Gerade dadurch stehen sie nicht mehr einem monolithischen Berg von „Lernstoff“ gegenüber, sondern einer zerklüfteten und widersprüchlichen Landschaft unterschiedlicher Meinungen.

Meist bieten Exkursionen den Studierenden auch Gelegenheit, selbst, gewöhnlich in bescheidenem Rahmen, wissenschaftlich tätig zu werden (das ist besonders wichtig in solchen Disziplinen, die wenig mit praktischen Übungen und Laboratorien zu tun haben). Sie müssen sich begrenzte Projekte überlegen und umsetzen und werden auf diese Weise selbständiger. Im Falle eines Falles sind dann Lehrende dabei, die ihnen bei unvorhergesehenen Problemen helfen können. Das spielt sich indes auf einer ganz anderen Ebene als die „übliche“ Interaktion ab.

In meinen Augen besteht der wissenschaftliche Gewinn für die Studierenden vor allem in zwei Tatsachen: zum Einen im Erwerb einer größeren Selbständigkeit und zum Anderen in der Erkenntnis von der Bedeutung von Zusammenhängen. Gewöhnlich kommt es dann auch zu erstaunlichen Wissenszuwächsen, die manchmal sogar für die Lebenswelten der Betroffenen Konsequenzen haben können – bisweilen werden überkommene und unhinterfragte Ansichten zur Disposition gestellt, Vorurteile fallen, die Evidenz des Lebens fordert neue Antworten. Letztlich wird die althergebrachte Landeskunde erst in dieser Synthese zur Landeswissenschaft.

Auch Lehrende können aus Exkursionen gewaltige wissenschaftliche Gewinne ziehen. Für sie tun sich (bisweilen) neue Zusammenhänge auf, entstehen Verbindungen von Phänomenen, die zu ganz neuen Fragestellungen führen können. Die Situation so fern vom Alltag kann befruchtend wirken und auch Forscher auf neue Gedanken bringen.

Didaktische Argumente

Aus dem Gesagten geht hervor, dass die wissenschaftlichen Argumente weithin mit den didaktischen in Zusammenhang stehen. Eine Exkursion stärkt (gewöhnlich) die Motivation der Studierenden, die nun sehen, dass ihre Studien ihnen einen Weg weisen, dass sie damit Werkzeug zum Verständnis und zur Interpretation der Realität an die Hand bekommen. Ihr Tun bekommt einen Sinn. Die Motivation weist ihnen an vielen Stellen Alternativen zu den eigenen Erfahrungen auf, die für sie bedeutsam werden können. Man sollte vielleicht meinen, dass diesem Argument in einer Zeit, in der fast jede/r Studierende schon große Reisen gemacht und ferne Länder gesehen hat, keine so große Bedeutung mehr beigemessen zu werden braucht. Indes, es scheint, dass diese weiten Reisen vielfach (natürlich nicht immer!) sich ohne große Zuwächse an Offenheit abspielen. Unsere Studierenden unterscheiden sich da nicht wesentlich von anderen Reisenden, die in ihren Fernreisen oft letztlich nur die Bestätigung ihrer Vorurteile suchen; wäre dem nicht so, dann dürften fremdenfeindliche Parteien in Europa nicht solchen Zulauf haben.17 Ich könnte jetzt auf den zitierten Text von Peter Ronge und mir aus dem Jahre 1976 zurückgreifen und predigen, dass die europäische Konstruktion nur gelingen kann, wenn die Europäer sich gegenseitig wahrnehmen.18 In dieser Hinsicht unterscheiden Exkursionen sich meist von anderen Auslandsreisen: Die Gruppe und das zu absolvierende Programm, der direkte und oft enge Kontakt mit Einheimischen bringen die Einzelnen dazu, sich kritischer und offener mit der anderen Realität auseinanderzusetzen. Daher können Exkursionen stärker vorurteilbrechend sein als andere Formen von Reisen.19

Relationelle Argumente

Exkursionen führen gewöhnlich auch zu einer massiven Veränderung der persönlichen Beziehungen zwischen Lehrenden und Lernenden, aber auch zwischen den Lernenden untereinander. Natürlich geht Distanz verloren, damit aber auch Scheu und Hemmung. Wenn man den ganzen Tag etwas miteinander unternimmt, dann entwickelt sich notwendig eine gewisse Vertrautheit, man kann den/die Andere/n besser einschätzen. Damit geht Furcht verloren – etwa bei mündlichen Prüfungen, aber auch in allen anderen Situationen, und es entsteht oft etwas wie Vertrautheit, die eine ganz neue Basis für den Kontakt und die Zusammenarbeit bilden kann. Immer wieder einmal kommt es bei Exkursionen zu außergewöhnlichen Situationen, da ist mitunter Tatkraft und kühles Blut gefragt. Was tun, wenn der Bus nicht mehr vor noch zurück kann, weil die Einbahnstraße mit parkenden Autos zugestellt ist? Man schiebt die Autos mittels Schaukeln so lange zur Seite, bis der Bus durchkommt (bei dieser Übung ist es hilfreich, wenn es ein paar starke männliche Exkursionsteilnehmer gibt). Wenn der Nebel so dicht wird, dass der Busfahrer die Straße nicht mehr erkennen kann? Einer steigt aus und gibt dem Fahrer auf wenige Zentimeter Entfernung Zeichen. Usw. Es ist wohl kein Zufall, dass wir als Veranstalter mit einigen der Busfahrer noch über Jahre hin Kontakt hatten.

Natürlich entspricht eine so entspannte Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden dem sich an den Hochschulen wieder breitmachenden Autoritarismus nur wenig und den Vorstellungen der Verbreitung von E-Learning mit möglichst wenig persönlichen Kontakten gar nicht. Das E-Learning kann Stoff vermitteln, was nützlich sein kann, Bildung und geistige Selbständigkeit indes werden auf anderen Wegen erworben.

Das wichtigste Argument fehlt allerdings noch: Es macht einfach einen riesigen Spaß, eine Exkursion zu organisieren, wenn man die entsprechenden Teilnehmer/innen hat (wofür man bis zu einem gewissen Grad sorgen kann) und nicht gar zu sehr um die Mittel kämpfen muss. Wahrscheinlich könnten die verschiedenen Wissenschaftsverwaltungen ihre Erfolgsquoten massiv steigern, wenn sie die Mittel für mehr Exkursionen zur Verfügung stellten. Allerdings sollten diese auf freiwilliger Basis stattfinden: Nichts ist so ernüchternd wie ein Lehrender, der wider seinen Willen eine Reise organisieren muss, und nichts ist so frustrierend wie ein/e Studierende/r, der daran teilnehmen muss, weil es Pflicht ist.

Wien, 12. August 2011

Anmerkungen

1 Mein Interesse an Exkursionen lässt sich mit meiner mehrfachen Teilnahme an einem deutsch-französischen Schüleraustausch meines Gymnasiums mit dem Lycée Henri IV in Béziers erklären. Ich habe heute noch den Eindruck, dass ich während dieser, insgesamt sechs oder sieben Wochen dauernden Aufenthalte wirklich Französisch gelernt habe. Leider war es mir nie vergönnt, als Student an einer Exkursion teilzunehmen (wahrscheinlich aufgrund meiner zu häufigen Universitätswechsel).

2 Eine (vereinfachte) von Peter Ronge zusammengestellte Kostenaufstellung findet sich auf Seite 3.

3 Zu Lafont vgl. u.a. Danielle Julien/Claire Torreilles/François Pic (éds.) (2005): Robert Lafont. Le roman de la langue, Toulouse (mit einer bis 2005 exhaustiven Bibliographie); sowie die Doppelnummer der Zeitschrift Lenga e País d’Òc, no. 50–51, Per Robèrt Lafont, April 2011, die im Übrigen denselben Titel führt wie die 1990 in Montpellier und Nîmes erschienene Festschrift zu seinen Ehren. Ganz neu: Gérard Tautil (2011): Robert Lafont et l’occitanisme politique, Eglise-Neuve-d’Issac.

4 Léon Cordes (1975): Troubadours aujourd’hui, Raphèle-les-Arles.

5 Mir lag damals viel an diesem Zusammentreffen, denn es herrschte ja noch immer Kalter Krieg, und es schien mir wichtig, dass die braven Westfälinnen und Westfalen einmal einen kommunistischen Bürgermeister sahen, zudem noch einen der gebildetsten, um sich ein wenig von den Vorurteilen zu befreien, die ihnen eingeprägt worden waren. Deshalb bin ich auch immer, wenn es möglich war, mit anderen Exkursionen nach Sète zurückgekehrt.

6 Er wird später lange Jahre als Abgeordneter im Europäischen Parlament sitzen. Vgl. Jean Huillet (2004): De que fasèm. Un regard militant sur la viticulture, Pézenas.

7 Der CIDO ist inzwischen vom CIRDOC abgelöst worden, der heute in neuen Räumen in Béziers die wohl vollständigste Dokumentation der modernen okzitanischen Kultur besitzt.

8 Vgl. zu den Katharern immer noch die Synthese von Michel Roquebert (1999): Histoire des Cathares. Hérésie, croisade, inquisition du XIe au XIVe siècle, Paris. In den aktuellen Forschungsstand über den Katharismus führt ein Anne Brenon (2007): Les Cathares, Paris. Als Einführung kann auf Deutsch noch immer die Darstellung des leider nicht mehr unter uns weilenden Lothar Baier (1984): Die große Ketzerei. Verfolgung und Ausrottung der Katharer durch Kirche und Wissenschaft, Berlin (Nachdruck) empfohlen werden. Stärker forschungsorientiert: Jörg Oberste (2003): Der „Kreuzzug“ gegen die Albigenser. Ketzerei und Machtpolitik im Mittelalter, Darmstadt. Der Aufsatz über die Albigenserkriege in unserem Konvolut stammt übrigens von Dieter Kattenbusch (106–108).

9 Vgl. Maria Roanet (1975): Dins de patetas rojas …, Toulouse; Dies. (1990): Nous les filles, Paris.

10 Das Protokoll dieses Vortrages stammt von Dieter Kattenbusch.

11 Kurze Zeit zuvor war Robert Lafont der Ossian-Preis der Stiftung F.V.S. verliehen worden; die damalige politisch rechte Stadtverwaltung von Toulouse weigerte sich, diesen Saal für die Verleihung zur Verfügung zu stellen. Ich weiß nicht, wie sehr es dem Beigeordneten gefiel, dass ich auf – allerdings dezente Art – auf diesen Unterschied in der Behandlung hinwies.

12 Erst 1981 beendete der neu gewählte Präsident François Mitterrand den Kampf; als eine seiner ersten Amtshandlungen verkündete er den Verzicht auf die Ausdehnung. Immerhin hatte es ungefähr elf Jahre gebraucht, um zu diesem Ziel zu gelangen. Diese Auseinandersetzung steht auch im Hintergrund des großen Romans von Robert Lafont, La Festa, dessen erste zwei Bände 1983/84 erschienen, der letzte, der eine andere Perspektive einnimmt, 1996 (Ed. Obradors/Fédérop/Le chemin Vert).

13 Auch von diesen Reisen gibt es Rechenschaftsberichte.

14 Die Ergebnisse sind in der Doppelnummer 12/13, 1998/99 der Zeitschrift Quo vadis, Romania? (Wien) mit dem Titel Martinique: Sprachen und Gesellschaft/Martinique: langues et société festgehalten. Leider sind die Beiträge qualitativ sehr unterschiedlich.

15 Der Rechenschaftsbericht ist in Vorbereitung.

16 Es fällt mir immer mehr auf, dass das Wort Erkenntnisinteresse fast völlig aus den Studienhilfen verschwunden ist, die oft für teures Geld angeboten werden, um den Studierenden dabei zur Seite zu stehen, ihre Qualifikationsarbeiten vorzubereiten. Es wird ersetzt durch den fast schwachsinnigen Begriff der „Forschungsfrage“, aus dem jeder Gedanke an weitere Zusammenhänge oder gar an kritisches Potential getilgt ist. Vor Forschungsfragen braucht der heutige Kapitalismus keine Angst zu haben, Erkenntnisinteresse kann mitunter beunruhigende Formen annehmen.

17 Ich erinnere mich noch heute an den surveillant général der Privatschule in Sainte-Foy-la-Grande (Dordogne), in der ich ab Herbst 1970 ein Jahr lang mehr die Ehre als das Vergnügen hatte, Deutsch zu unterrichten. Er hatte das Ende des Zweiten Weltkrieges als Zwangsarbeiter in Berlin miterlebt und hat mir aus erster Hand von der russischen Eroberung der Stadt berichtet. Er belächelte indes seine französischen Landsleute, die im Berlin des Krieges den Satz prägten: „Ils [les Allemands] peuvent pas parler français comme tout le monde?“ Er wäre noch heute entsprechend auf viele (nicht nur) Europäer anwendbar.

18 Peter Ronge hatte den Zweiten Weltkrieg mit all seinen Schrecken noch als Kind miterlebt. Deshalb war und ist ihm das Zusammenwachsen der Europäer (in seinem Fall vor allem der Deutschen und Franzosen) ein solch lebenslanges Anliegen geblieben. Für uns Ältere ist es oft schwer verständlich, dass dieser elementare Enthusiasmus, ein gemeinsames, solidarisches und friedliches Europa aufzubauen, sich heute in der politischen Klasse ebenso verloren hat wie bei vielen Bürgern.

19 Das müssen nicht immer große Dinge sein. Es war durchaus ein Stück Öffnung, als 1976 einige der Studierenden, die noch nie Austern – und schon gar nicht solche direkt aus der See – gegessen hatten, sich dazu durchringen konnten, und genauso haben sich 2011 einige an die ihnen völlig fremde, scharfe kreolische Blutwurst (boudin) gewagt, andere eben nicht. Einst hatte der Herausgeber und Chefredakteur der Stuttgarter Zeitung, der lateinisch schreibende Dichter Sebastian Blau, mit bürgerlichem Namen Josef Eberle (1901–1986), ein sehr probates Verfahren, seine Nachwuchsredakteure für die Lokalredaktion [das war im klassischen Journalismus immer der Königsweg zum Fortkommen] auszuwählen: An einem Tag in der Woche gab es in der Kantine unter anderem Kutteln, und Eberle schaute nur, wer von den Jungen davon aß. Die waren gut für den Lokalteil. Der Erfolg gab ihm gewöhnlich Recht.