Lieber Dieter! Seit unseren ersten gemeinsamen Sprachaufnahmen in Apulien im Sommer 1973 haben wir beide der Italianistik die Treue gehalten. Hätte uns damals jemand prophezeit, dass wir zum Ende unserer Hochschullaufbahn für die Italianistik zuständige Lehrstühle in unmittelbarer Nachbarschaft innehaben würden, hätten wir das wohl nicht geglaubt. In Erinnerung an all die gemeinsamen Jahre möchte ich Dir nachfolgend eine Anwendung meiner variationslinguistischen Methode auf „unser“ Italien präsentieren, und ich wünsche Dir gleichzeitig von Herzen: Ad multos annos!

Ziel des Beitrags ist es, die spezifische Sprachkontaktsituation in Italien und die jeweiligen sprachlichen Dynamiken anhand von fünf Thesen darzustellen, mit denen die aktuelle Mehrsprachigkeit in Italien adäquat erfasst werden kann. Hierfür eignet sich das Modell der funktionalen Variationslinguistik, das seit mehreren Jahrzehnten von mir und meinen Doktoranden in verschiedenen Arbeiten über je spezifische Situationen der Mehrsprachigkeit in Europa, USA, Lateinamerika und in kreolophonen Gebieten Anwendung gefunden hat.

1 Sprachdynamik in Italien

These 1: „Die heutige Sprachdynamik in Italien ist – neben der Kontinuität und dem weiteren Ausbau des italiano standard – eine Dynamik von konvergenten Sprachkontakten mit pragmatischer Neuordnung der diatopischen, diastratischen und diaphasischen Differenzierung.“

Thomas Stehl - Portrait


Thomas Stehl, Professor für Romanische Philologie/ Sprachwissenschaft an der Universität Potsdam.
Mit Dieter Kattenbusch befreundet seit 1971, als ich ihn von der BWL für die Romanistik „abgeworben“ habe. Gemeinsames Studium der Romanistik in Münster ab 1973, gemeinsame Sprachaufnahmen in Süditalien ab 1973, gemeinsame Reisen in Italien und Frankreich, gemeinsame Projektarbeiten und Sprachaufnahmen in der Pilotphase des Sprachatlas des Dolomitenladinischen (ALD) unter der Leitung von Hans Goebl (Salzburg): 1984–1985. Seit der Nachbarschaft der Lehrstühle in Potsdam und Berlin (1998) Zusammenarbeit in der Italianistik und (jeweils als Vertreter der Humboldt-Universität und der Universität Potsdam) im Italienzentrum der Freien Universität Berlin.

Die Sprachdynamik in Italien weist zwei nur scheinbar gegenläufige Tendenzen auf: Es geht um eine Konsolidierung und Eigendynamik der Standardsprachen als Ausdruck eines divergenten, zentrifugalen Sprachwandels1. Gleichwohl wurden und werden als Folge der Ausbreitung des Standards im geographischen Raum soziale Zweisprachigkeit und nachfolgende Sprachkontakte als Ausdruck eines konvergenten, zentripetalen Sprachwandels2 zur Normalität.

Mit der Auflösung von Diglossien in Pluriglossien im Verlauf des konvergenten Sprachwandels geht eine Neubestimmung aller Dimensionen der sprachlichen Differenzierung einher, denn bei Betrachtung der diatopischen Differenzierung fällt auf, dass die primären Basisdialekte in Italien immer mehr den tertiären Dialekten des Standards Platz machen. Diastratisch löst sich zudem die Zuordnung von Sprachformen zu sozialen Schichten auf, und in der Diaphasik erfolgt eine Neuzuweisung pragmatischer Funktionen – wie formell-informell, öffentlich-familiär, kultiviert-umgangssprachlich, gesprochen-geschrieben – an die verschiedenen Zwischenvarietäten zwischen Dialekt und Standard.

All diese Neuzuordnungen fließen zusammen in einem diachronischen Prozess, der in Italien (aber auch in anderen romanischen Gebieten)3 in vertikalen, von der Dominanz des Standards geprägten Sprachkontakten verläuft, und zwar in der Weise, dass dieser Prozess einerseits die Konvergenz der italienischen Basisdialekte in Richtung auf das dominante italiano standard zur Folge hat, und dass andererseits eine Neuformierung der Sprachräume erfolgt sowie eine Umgestaltung in modularen Sprachformen (von Dialekt und Standard), über die theoretisch alle Sprecher verfügen können.

2 Sprachdynamik und Variationslinguistik

These 2: „Die Diglossie-Situationen in Italien und ihre dynamische Entwicklung können vor allem in einer funktionalen Variationslinguistik der nun vorherrschenden Pluriglossien und Konvergenzen analysiert werden.“

Nach der Ablösung einer traditionellen Geolinguistik und Dialektologie durch neue Fragestellungen der Soziolinguistik seit der Mitte der 1960er Jahre und der Rezeption der anglo-amerikanischen Soziolinguistik in der romanischen Sprachwissenschaft, die mit der Parallelsetzung von elaborated code mit der jeweils dominanten Standardsprache und von restricted code mit der jeweiligen Minderheitensprache oder einem romanischen Basisdialekt verbunden war, ging die soziolinguistische Diskussion in Italien seit ihrem Beginn vor allem um die sprachlichen Aspekte der Binnenmigration von Süditalienern und deren sprachliche und soziale Integrationsprobleme in den Industriestädten des Nordens.4

In den 1980er und 1990er Jahren kommt es jedoch zu einer Umorientierung; der schichtenspezifische Sprachgebrauch und das damit verbundene soziale Gefälle stehen immer weniger im Zentrum des Interesses. In Italien haben sich die Soziolinguisten, etwa aus der Turiner Schule von Corrado Grassi, auf die Erstellung regionaler Sprachatlanten umorientiert, in denen die heutige Dynamik von Dialekt und Standard dokumentiert werden soll.5 Andere untersuchen die sprachinternen Tendenzen des Gegenwartsitalienischen, die Strukturen des italiano parlato, oder auch die Sprachkontakte zwischen dem italienischen Standard und Basisdialekten in Norditalien wie in Süditalien.

Hieraus mag deutlich werden, dass die Sprachdynamik und die daraus folgenden, neuen Fragestellungen hinsichtlich der Pragmatik der Sprachverwendung die Notwendigkeit einer integralen Konzeption und Beschreibung der Variation und der Neugestaltung des italienischen Diasystems mit sich bringen, die in der Sprachwissenschaft wahrgenommen und in der Beschreibung mitvollzogen werden muss. Ein Ansatz, der die Erkenntnisse der funktionalen Linguistik und der Soziolinguistik bezüglich des Wechselverhältnisses und der Dynamik von Dialekt und Standard, von Sprachverwendung und deren Dynamik in der Sprachgeschichte zusammenführt, ist daher das Anliegen einer diachronischen Variationslinguistik seit den 1990er Jahren.6 In diesem Kontext stellt sich auch die Frage nach den eingangs erwähnten Typen des divergenten und des konvergenten Sprachwandels: Aus einer möglichst umfassenden Analyse des von großer Heterogenität und Dynamik geprägten, heutigen Sprachzustands in Italien ergibt sich eine Fülle von weitergehenden Fragen nach der Typologie, der Charakteristik und den Verlaufsprozessen der verschiedenen Formen des Sprachwandels. Damit ist aber auch die Möglichkeit zur Rückprojektion der entsprechenden Erkenntnisse auf jene Sprachkontakte gegeben, aus denen die italoromanischen Dialekte selbst hervorgegangen sind, vielleicht sogar auch auf jene Kontakte, die – in einer ganz anders gearteten historischen Situation – zur Genese der romanischen Kreolsprachen geführt haben.

3 Die sprachliche Stufung von konvergenten Kontakten: Diskrete Varietäten als soziale Techniken der Alltagskommunikation

These 3: „Der interlektale Kontaktbereich (Mesolekt) zwischen dem dominanten italiano standard und den dominierten italoromanischen Dialekten ist als graduelle Stufung funktioneller Sprachen (Varietäten) zu beschreiben.“

Sprachliches Wissen, pragmatische Selektion und wechselseitige Interferenz sind sowohl im synchronischen Funktionieren der vertikalen Sprachkontakte als auch in der diachronischen Dynamik des konvergenten Sprachwandels in diesen Kontakten zu untersuchen.

Die Frage nach der synchronischen Staffelung des Kontaktbereichs zwischen dem dominanten Standard und den dominierten Idiomen beschäftigt die Kontaktlinguistik seit langem. In der Kreolistik und der Variationslinguistik stehen sich nämlich zwei unterschiedliche Hypothesen über die Gestaltung dieses „Mesolektes“ oder der „interlektalen Zone“ zwischen Dialekt und Standard (oder zwischen Basilekt und Akrolekt) gegenüber: Nicht nur Generativisten und quantitative Linguisten konzipieren den Mesolekt als Kontinuum im sprachlichen Bewusstsein wie in den sprachlichen Strukturen und Einheiten, während die kognitive und die strukturalistische Hypothese von einer Gradation interlektaler funktioneller Sprachen ausgeht,7 die sich aus einer klaren Abstufung von diskreten Varietäten im Sprecherbewusstsein wie in den sprachlichen Strukturen und diskreten Einheiten ergibt.

Eine von Elmar Holenstein8 auf der Basis der kognitiven Psychologie von Eleanor Rosch angestellte Untersuchung sogenannter sprachlicher „Kontinua“, wie hier zwischen Dialekt und Standard, kommt zu dem Ergebnis, dass es sich lediglich um scheinbare Kontinua handelt, die sich aber auf der Basis der menschlichen Prototypenklassifikation als skalierte Abstufungen erweisen, weil die menschliche Fähigkeit, den Prototyp einer Eigenschaft (‚rot‘) oder einer Erfahrungsgröße zu erkennen (in diesem Fall also „Dialekt“ bzw. „Standard“), die Fähigkeit einschließt, sowohl den entsprechenden Gegenpol als auch Abstufungen zwischen den beiden Extremen zu identifizieren.

Abb. 1: Dynamik der Konvergenz in Süditalien10

Dynamik der Konvergenz in Süditalien

In eigenen empirischen Untersuchungen in Süditalien9 konnte nun festgestellt werden, dass die Sprecher auf der Basis ihres aktiven und passiven Sprachwissens je einen ‚positiven‘ Prototyp von Dialekt und Standard einem zumeist ‚negativ‘ gewerteten, ‚korrumpierten‘ Prototyp von Dialekt und Standard gegenüberstellen, der durch gehäufte Interferenzen des jeweils anderen Kontaktextrems gekennzeichnet ist. Die von den Sprechern unternommene meist vierfache, seltener unter Einschluss des virtuellen, „überhöhten“ Standards der Schriftsprache auch fünffache Stufung dieses Kontaktbereichs deckt sich dabei mit dem linguistischen Befund einer skalierten Stufung vom Basisdialekt D (+) der älteren Generation über den D (–) als Zweitsprache der jüngeren Generation, den von dialektalen Interferenzen durchsetzten S (–) als Zweitsprache der älteren Generation bis hin zum vor allem phonetisch/phonologisch markierten, heimischen Standard (+) der jüngeren Generation und der innovationsbereiten mittleren Generation (vgl. Abb. 1).

4 Diachrone Variationslinguistik von Sprachkontakten

These 4: „Die hierarchisch gestuften Pluriglossien und Sprachkontakte sollten in ihrer Dynamik auf den drei Ebenen des sprachlichen Wissens, der selektiven Sprachverwendung und der Strukturen sprachlicher Interferenz sowie deren Entwicklung im Sprachzustand beschrieben werden.“

Aus der Sicht einer diachronen Variationslinguistik von Sprachkontakten ist es notwendig, die sprachlichen Realitäten in Italien als vertikale und konvergente Sprachkontakte zwischen der jeweiligen dominanten und expansiven Standardsprache und den dominierten, regressiven Basisdialekten und Nationalitätensprachen zu beschreiben. Die synchronische Variation zwischen den zur Verfügung stehenden Ausdrucksmitteln der Kontaktsprachen und die daraus folgende wechselseitige Interferenz hat eine diachronische Hierarchisierung dieser Variation und konvergenten Sprachwandel zur Folge, führt also im Kontaktverlauf neben dem langsamen, aber stetigen Bedeutungsverlust der dominierten Idiome zu der Genese von großräumigen Dialekten der Standardsprache (also der sogenannten italiani regionali). Diese standardseitigen Regionaldialekte können, je nach der Quantität der enthaltenen dialektalen Interferenzen, außerhalb ihres räumlichen Geltungsbereichs – also etwa in den Großstädten – zu sprachlichen Merkmalen der regionalen und der sozialen Herkunft werden und damit zur Umgestaltung der sprachlichen Architektur des Italienischen als historischer Sprache beitragen.

Die Beschreibung dieser Dynamik erfordert in der Empirie die Beachtung (nicht nur der dialektalen, sondern vor allem) aller kognitiven, sozialen, kommunikativen und linguistischen Aspekte der Kontakte in der jeweils wechselseitigen Aufeinanderbezogenheit der Kontaktsprachen.

Es ergibt sich nämlich bei fortschreitendem Konvergenzprozess in Richtung auf die jeweilige Standardsprache eine „Mikroskopisierung“ der sprachlichen Unterschiede, die von zunächst maximaler Distanz zwischen den dominierten Sprachen und Dialekten und dem Standard ausgeht und bis zur maximalen Nähe zwischen den regionalen Dialekten des Standards und dem Standard selbst gelangt. Diese Mikroskopisierung lässt nun aber in den dominierten Sprachräumen nicht, wie man erwarten könnte, einen sprachlich vollkommen dem Standard ausgelieferten, allein auf den regionalen accento reduzierten „Dialekttorso“ zurück: Die sprachliche Identität regionaler Gemeinschaften wird dort selbst noch an minimalen, nur phonetischen/phonologischen Dialektmerkmalen von Angehörigen der Gemeinschaft erkannt und wiedererkannt.

Da sich also in den weitaus meisten Sprachgebieten, in denen die autochthonen Sprachen und Dialekte nach und nach aufgegeben werden, durchaus unterschiedliche Kontaktstaffelungen im sprachlichen Wissen und in der Entscheidung über die Verwendung von Varietäten ergeben, die in der Alltagskommunikation tatsächlich verwendet werden, ist es also notwendig, in einer empirischen Variationslinguistik diese drei Ebenen auch zu untersuchen, nämlich: a) die „Kompetenz der Variation“, also die Dimension des aktiven, sprachlichen Wissens, das die Sprecher von Varietäten im Sprachkontakt haben, ebenso wie die Dimension des passiven, metasprachlichen (auch wertenden, also evaluativen) Wissens, das die Sprecher über Varietäten im Sprachkontakt haben; b) die „Pragmatik der Variation“, also die Modalitäten, Situationen und gesprächsdynamischen Determinanten, aufgrund derer die Sprecher selektiven Gebrauch ihres aktiven sprachlichen Wissens im Sprachkontakt machen, sowie die Übersetzungs- und Variationstechniken, derer sie sich bei der Verwendung ihrer Zweitsprache bedienen und c) die „Linguistik der Variation“, also die Interferenzen und die konstanten Interferenztechniken, die sich im interlektalen Kontaktbereich zwischen Dialekt und Standard als Grundlage für neue Varietäten aufbauen, die ihrerseits wiederum das Ergebnis der Sprachgenese aus dem konvergenten Kontakt darstellen.11

Als konkretes Beispiel für die „Kompetenz der Variation“ lassen sich folgende Sprecheraussagen, die das sprecherseitige Wissen über die Kontaktstufungen dokumentieren, anführen. Hierbei handelt es sich um den Kontakt zwischen dem Italienischen und dem süditalienischen Dialekt von Canosa in Apulien:

TS: „E il dialetto come lo parla oggi un giovane, come lo definiresti?“

Ingenieur (1. Sprache Italienisch, 2. Sprache Dialekt), 34 Jahre:

„E‘ un dialetto improprio, diciamo. Più che altro improprio, perché ritengo che il mio dialetto sia un po‘ più appropriato del suo. Ma, molto spesso per esempio, parlando con un mio amico in dialetto, ero io, nei suoi confronti, ero quello che, eh, non parlava bene il dialetto. (…) Ci sono delle scale, di dialetto parlato e dove tu ti accorgi subito se uno conosce l‘italiano e parla male il dialetto. O se è uno che conosce il dialetto e parla male l‘italiano. Si individua subito.“

Vom Standpunkt der hier verfolgten dynamischen Variationslinguistik ist eine endgültige Klärung dieser Frage aber nur möglich, wenn man nicht nur im Bereich der metasprachlichen Kompetenz der Sprecher, sondern auch in der Pragmatik ihrer Sprachverwendung und in den sprachlichen Strukturen empirische Nachweise über die Gestaltung des Kontakts zwischen dominanter und dominierter Sprache auswertet und analysiert. Nur so kann die Einstufung und Position der interlektalen Varietäten im Gefüge des vertikalen Kontaktes bestimmt werden.

Für die „Linguistik der Variation“ lassen sich folgende Beispiele von Interferenzvarietäten des interlektalen Kontaktbereichs zwischen dem Italienischen und etwa dem Dialekt von Canosa in Apulien anführen:

Bauer (1. Sprache Dialekt, 2. Sprache Italienisch), 68 Jahre:

  • Standard (–) ‚Italiano sporco‘:
    „Porta un secchio garbato, e poi hai da prendere soltando li acini fraciti.“
  • Dialektale Basis (Dialekt (+) ‚Dialetto vero‘):
  • [ˈpurta nu ˈsɪkːç agːarˈbɛːt ɛ pːɔ a da pɪˈgːjɛ ˈʃkɪtːə l aːˈtʃənə ˈfraːtʃətə]
  • Entsprechung im (nicht erreichten) endogenen Italienisch (+) ‚Italiano pulito‘:
    „Porta un secchio ben fatto e poi devi prendere soltanto gli acini guasti.“

Kindergärtnerin (1. Sprache Italienisch, 2. Sprache Dialekt), 28 Jahre:

  • Dialekt (–) ‚Dialetto stracciato‘:
  • [ˈu ˈfatːə ˈstesːə d aˈva ˈfatːə na ˈkaʊsə ka nam vuˈlɛːvə m aˈvɛːvə kʊndətsjuˈnɛt aˈsːɛ]
  • Italienische Basis (Italienisch (+) ‚Italiano pulito‘):
    „Il fatto stesso di aver fatto una cosa che non volevo mi aveva condizionata assai“
  • „Entsprechung“ im (nichterreichten) Dialekt (+) ‚Dialetto vero‘:
  • [m ˈagːjə sənˈdeʊtə malaˈmendə pərˈtʃi ˈfatːə na ˈkaʊsə ka nam vuˈlɛːvə ˈfɛːjə]
  • < = *mi ho sentito malamente perché sono fatta una cosa che non volevo fare >

5 Diskurstraditionen als Faktoren der sprachlichen Entwicklung

These 5: „Die sprachliche Entwicklung der konvergenten Sprachkontakte wird durch die Überkreuzung und die wechselseitige Übernahme von Diskurstraditionen befördert, die auch in den neu entstandenen Dialekten des Standards (d.h. in den italiani regionali) die soziale Identität urbaner und regionaler Sprachgemeinschaften zum Ausdruck bringen.“

Eine zentrale Funktion kommt in der diachronischen Dimension der Kontaktdynamik den Diskurstraditionen12 der in Kontakt stehenden Sprachen zu. Als Realisierungsformen des Sprachwandels haben sie zunächst übereinzelsprachliche Geltung: In verschiedenen historischen Sprachgemeinschaften beachtet man dieselben oder ähnliche pragmatische Regeln zur Verfertigung spezifischer Diskurse wie vertrautes Gespräch, Vortrag, Konversation, Privatbrief usw. In der oralen Alltagskommunikation zweisprachiger Sprechergemeinschaften bestehen aber durchaus unterschiedliche Verfahren der Versprachlichung sowie unterschiedliche Diskurs- und Kommunikationstraditionen, die an jeweils eine der Sprachen gebunden sind: Diese war ja ursprünglich Kommunikationsmittel einer einsprachigen Gemeinschaft. Ein entscheidender Aspekt sowohl für den historischen Aufbau des Kontaktbereichs wie für ihre allmähliche Hierarchisierung und die daraus folgende Genese der italiani regionali ist nun die Tatsache, dass die Sprecher beim materiellen Wechsel in die Zweitsprache zumeist weiter die Diskurstraditionen ihrer Erstsprache beachten und dabei Texte (und damit Sprachformen) hervorbringen, die es zuvor in dieser Sprache so nicht gegeben hat. Durch die nur materielle Übertragung von Diskursen einer Sprache in Diskurse und Texte der jeweils anderen Kontaktsprache trägt die „Überkreuzung“ von Diskurstraditionen zur diachronischen Dynamik des vertikalen Kontakts und damit zur Begründung neuer Traditionen in der jeweiligen Zweitsprache der Sprecher bei.

Dank der Diskurstraditionen leben die Dialekte in Italien nun sozusagen „unter der materialsprachlichen Oberfläche“ fort: Wenn auch eine Funktionsübertragung des „dialektalen Sprechens“ von den Basisdialekten auf die tertiären Dialekte des Standards stattgefunden hat, so bleibt gerade die Übertragung von Diskursnormen und -traditionen der dominierten Dialekte in standardseitiges „Sprachmaterial“ eine der wichtigsten Dimensionen der kulturellen Identität regionaler Gemeinschaften nach dem language death der Dialekte und auch der romanischen Nationalitätensprachen. Sie vermitteln den von außen Hinzugekommenen „Fremdheit“, da diese die regionaltypischen Äußerungen aufgrund weitgehender Identität mit den eigenen sprachlichen Strukturen „materialsprachlich“ zwar verstehen können, sie jedoch so selbst nie versprachlichen würden.

In dem hier vorgestellten Ansatz kommt es nun darauf an, den Austausch, die Überkreuzung und die Übertragung von Diskurstraditionen in vertikalen Kontakten in allen Dimensionen zu untersuchen, wobei im sprachlichen Wissen die jeweilige Systementscheidung der Sprecher und in der Sprachverwendung ihre pragmatische Beachtung von Diskurstraditionen ihrer Erstsprache in den Diskursen und Texten ihrer Zweitsprache zu untersuchen sind. Für das Überkreuzen von Diskurstraditionen im Sprachkontakt im Sinne eines „parlare dialetto in italiano“ und eines „parlare italiano in dialetto“ kann das folgende Beispiel genannt werden: Es handelt sich hierbei um ein Verkaufsgespräch auf dem Wochenmarkt in Canosa di Puglia:

- Die Kundin (ca. 35 J.) – hebt prüfend eine Handtasche auf –
- Der Verkäufer (ca. 45 Jahre) – drängt sie zum Kauf –
- Die Kundin: „Quando viene, ‘sta borsetta?“
- Der Verkäufer: „Trendacinque. Dai Signora, pigliatela ch‘è bbella!“
- Die Kundin: „Che ttengo, soldi a bbuttare? No, trendacinque è assai!“
- Der Verkäufer: „E quando mi vuoi dare?“
- Die Kundin: „Tieni vendi e stiamo pace!“
- Der Verkäufer: „Vendi? E che, stiam a vvendere o a regalare la robba?“
- Die Kundin: „Se me la vuoi dare, me la devi dare per vendi! Che se no, te la tieni!“
- Der Verkäufer – winkt desinteressiert ab –
- Die Kundin – verlässt den Marktstand –

Die gesamte Interaktion entspricht einem „parlare dialetto in italiano“, weil eine dialektale Basis des Gesprächs nur materiell ins Italienische übersetzt erscheint, wie sich unschwer auch an den folgenden auffälligen Interferenzen erkennen lässt:

-nd- für ital. -nt-
tieni für ital. Eccole
tu für ital. Lei
stiamo pace für ital. siamo pari
viene für ital. costa
stiam a vvendere für ital. vendiamo
pigliatela für ital. prenditela, für ital. vendere
assai für ital. troppo

In Abb. 2 sind die Diskurstraditionen als ‚Motoren‘ von Sprachdynamik und konvergentem Wandel im konvergenten Sprachkontakt übersichtlich dargestellt.

Abb. 2: Diskurstraditionen im konvergenten Sprachkontakt13

Diskurstraditionen im konvergenten Sprachkontakt

Schließlich ist anzumerken, dass in der Variationslinguistik die materielle Übertragung dialektaler Diskurstraditionen in den jeweiligen Standard oftmals übersehen wird. Die Verkennung der Funktion von Diskurstraditionen hat gerade in der italienischen Linguistik zur Entdeckung eines ‚italiano popolare‘ sowie von ‚Vereinfachungstendenzen‘ im Italienischen niedriger Sozialschichten geführt, ohne dass man dem Umstand ausreichend Rechnung getragen hätte, dass es sich zumeist schlicht um übertragene Diskurstraditionen von Dialektsprechern handelt.

6 Fazit

Abschließend ist zusammenzufassen, dass sich die Notwendigkeit ergibt, die bisher getrennten Bereiche der historischen, der geo-, der sozio- und der pragmalinguistischen Sprachwissenschaft des Italienischen aufgrund des heutigen Sprachzustands ihrer spezifischen historischen Gegenstände, nämlich der sozialen und pragmatischen Neuverteilung vertikal gestaffelter Sprachformen vom italoromanischen Basisdialekt über die breite Palette umgangssprachlicher Varietäten in den regionalen Gemeinschaften bis hin zum Standard zu einer dynamischen, diachronen Variationslinguistik konvergenter Sprachkontakte weiterzuentwickeln.

Wenn die italienische Sprachwissenschaft ein wenig von ihrem Glanz früherer Jahre zurückgewinnen will, dann sollte sie die heute ablaufende Sprachdynamik der Alltagskommunikation in Italien erforschen und in einer fundierten Beschreibung die faszinierende Vitalität dieser Sprache widerspiegeln.

Anmerkungen

1 Cf. Lüdtke 1980a: 8–9 und Lüdtke 1980b: 250–252.

2 Cf. Stehl 2005, 2008: 199–202.

3 Zur Situation der Minderheitensprachen in Spanien, Frankreich und Italien cf. Kattenbusch 1995 und 2000.

4 Cf. Stehl 1981 sowie Stehl 1991.

5 Cf. Telmon/Canobbio 1985.

6 Cf. Stehl 2011.

7 Cf. hierzu Stehl 1988 sowie Stehl 1992.

8 Cf. Holenstein 1980.

9 Cf. Stehl 1995a.

10 Cf. hierzu auch Stehl 1995a: 61.

11 Cf. Stehl 1994, 1995a, 1996 sowie 1999.

12 Cf. Stehl 1994: 139–141, 2000 sowie 2012.

13 Cf. hierzu auch Stehl 1994: 143.

Literatur

Holenstein, Elmar (1980): Sprachliche Kontinua sind anisotrop und skaliert, in: Gunter Brettschneider/Christian Lehmann (Hg.): Wege zur Universalienforschung. Sprachwissenschaftliche Beiträge zum 60. Geburtstag von Hansjakob Seiler, Tübingen, 504–508.

Kattenbusch, Dieter (1995) (Hg.): Minderheiten in der Romania, Wilhelmsfeld.

– (2000): Zum Stand der Kodifizierung von Regional- und Minderheitensprachen in Spanien, Frankreich und Italien, in: Bruno Staib (Hg.): Linguistica Romanica et Indiana. Festschrift für Wolf Dietrich, Tübingen, 207–225.

Lüdtke, Helmut (1980a): Sprachwandel als universales Phänomen, in: Helmut Lüdtke (Hg.): Kommunikationstheoretische Grundlagen des Sprachwandels, Berlin/New York, 1–19.

– (1980b): Auf dem Weg zu einer Theorie des Sprachwandels, in: ders. (Hg.): Kommunikationstheoretische Grundlagen des Sprachwandels, Berlin/New York, 182–252.

Stehl, Thomas (1981): Minderheiten, Dialektologie und Soziolinguistik, in: Christoph Schwarze (Hg.): Italienische Sprachwissenschaft. Beiträge zu der Tagung ‚Romanistik interdisziplinär‘, Saarbrücken 1979, Tübingen, 159–177.

– (1988): Les concepts de continuum et de gradatum dans la linguistique variationnelle, in: Dieter Kremer (Hg.): Actes du XVIIIe Congrès International de Linguistique et de Philologie romanes (Trèves, 19–24 mai 1986), vol. V: Linguistique pragmatique et sociolinguistique, Tübingen, 28–40, 51–54.

– (1991): Il concetto di italiano regionale e la dinamica dell‘italiano nelle regioni, in: Johannes Kramer (Hg.): Siue Padi ripis Athesim seu propter amoenum. Festschrift für Giovan Battista Pellegrini, Hamburg, 385–402.

– (1992): Contacts linguistiques verticaux et traditions du discours comme objet d‘une linguistique variationnelle historique, in: Ramón Lorenzo (Hg.): Actas do XIX Congreso Internacional de Lingüística e Filoloxía Románicas, Universidade de Santiago de Compostela, 1989, vol. III: Lingüística Pragmática e Sociolingüística, La Coruña, 249–268.

– (1994): Français régional, italiano regionale, neue Dialekte des Standards: Minderheiten und ihre Identität im Zeitenwandel und im Sprachenwechsel, in: Uta Helrich/Claudia Maria Riehl (Hg.): Mehrsprachigkeit in Europa – Hindernis oder Chance?, Wilhelmsfeld, 127–147.

– (1995a): La dinamica diacronica fra dialetto e lingua: per un‘analisi funzionale della convergenza linguistica, in: Maria Teresa Romanello/Immacolata Tempesta (Hg.): Dialetti e lingue nazionali. Atti del XXVII Congresso Internazionale di Studi (Lecce, 28–30 ottobre 1993), Roma, 55–73.

– (1995b): Sprachdynamik in Frankreich und Italien: Zur Funktion des Wortschatzes im Konvergenzprozeß, in: Ulrich Hoinkes (Hg.): Panorama der Lexikalischen Semantik. Thematische Festschrift aus Anlaß des 60. Geburtstags von Horst Geckeler, Tübingen, 641–650.

– (1996): Competenza, pragmatica e linguistica della variazione: problemi d‘inchiesta e d‘interpretazione in geolinguistica, in: Edgar Radtke/Harald Thun (Hg.): Neue Wege der romanischen Geolinguistik. Akten des Symposiums zur empirischen Dialektologie (Heidelberg/Mainz, 21.–24.10.1991), Kiel, 620– 640.

– (1999): Dialektgenerationen und Dialektfunktionen im sprachlichen Wandel, in: ders. (Hg.): Dialektgenerationen, Dialektfunktionen, Sprachwandel, Tübingen, VII–XV.

– (2000): Tempo, spazio, dinamica linguistica: Aspetti ‚dia–sincronici‘ della linguistica italiana, in: Bruno Staib (Hg.): Linguistica romanica et indiana. Festschrift für Wolf Dietrich zum 60. Geburtstag, Tübingen, 401–423.

– (2005): Sprachwandel und Sprachgenese. Kontinuität und Bruch in der Sprachgeschichte, in: ders. (Hg.): Unsichtbare Hand und Sprecherwahl. Typologie und Prozesse des Sprachwandels in der Romania, Tübingen, 87–110.

– (2008): Phonologischer Wandel im Sprachkontakt: Divergenz, Konvergenz und zyklische Drift, in: ders. (Hg.): Kenntnis und Wandel der Sprachen. Beiträge zur Potsdamer Ehrenpromotion für Helmut Lüdtke, Tübingen, 195–215.

– (2011): Romanische Sprachkontakte und Sprachdynamiken in einer funktionalen Variationslinguistik, in: Claudia Frevel/Franz-Josef Klein/Carolin Patzelt (Hg.): Gli uomini si legano per la lingua, Stuttgart, 249–268.

– (2012): Regionale Sprachgemeinschaften und Sprachdynamik: Zwischen Kodifizierung und Schreibtradition, in: Sandra Herling/Carolin Patzelt (Hg.): Sprachkontakt, Sprachausbau und Verschriftungsproblematik: Aspekte der Normalisierung von Regionalsprachen in der Romania. Akten der gleichnamigen Sektion auf dem XXXI. Romanistentag in Bonn (27.09–1.10.2009), München [im Druck].

Telmon, Tullio/Canobbio, Sabina (Hg.) (1985): ALEPO. Atlante linguistico ed etnografico del Piemonte occidentale. Materiali e saggi 1984, Torino.